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Wer hasst keine Montage?

Wer hasst keine Montage? Richtig – es gibt kaum jemanden, der sie liebt. Außer Rentner vielleicht, die finden alles fantastisch. Andererseits haben sie auch keinen Grund, den Wochentag Montag zu ihrem persönlichen Feind zu erklären. Nun stellt euch mal vor, dass eure einfallsreiche Mutter euch nach diesem schrecklichsten aller Tage benannt hätte! Und das nur, weil ihr an einem Montag geboren wurdet – wie überaus witzlos! Genau – ihr müsstet davon ausgehen, dass eure Mum euch entweder abgrundtief hasst, weil sie euch nie wirklich hat haben wollen, oder weil sie über einen überaus fragwürdigen Geschmack verfügt. Bei meiner Mum trifft leider irgendwie beides zu. Mit ihrem eher herkömmlichen Namen Leah war sie niemals einverstanden gewesen – deshalb hatte sie mir gleich einen verpasst, der mich zur Zielscheibe schlechthin machte. Für alles und jeden. Besonders wenn man bedachte, dass sie ursprünglich aus Wales stammte und wir mit Nachnamen Night hießen. Monday Night hieß ich also – ein echter Brüller, und das nicht nur auf jeder Party, sondern auch auf Grillfesten. Schlichtweg fantastisch löst der Name eine solche Begeisterung in mir aus, dass er mich meinen Lebtag verfolgt. In der Provinz konnte ich jedoch damit leben – meine Freunde, die mich alle rücksichtsvoll Day nannten, hatten sich mittlerweile daran gewöhnt. Auf diese Weise hatte es ganze sechzehn Jahre lang gedauert, bis Mum mich schließlich doch davon überzeugt hatte, dass sie mich – ihre einzige Tochter – doch irgendwie liebte. Trotz des Fehlgriffes, dem ich meinen Namen zu verdanken habe. Sie ist vielleicht schon immer etwas chaotisch und unbedarft gewesen, aber im Grunde ist sie doch irgendwie eine sehr gute Mutter. Zumindest ging ich bis vor kurzem davon aus. Bis sie mir von dem Umzug in die Großstadt verkündete. In einen anderen Staat – auf eine Insel – nach London England - verdammt! Die Sprache Englisch war dabei nicht einmal mein Problem, immerhin handelte es sich dabei um meine zweite Muttersprache – doch was sollte dieser Schwachsinn überhaupt? Wenn Mum damit hatte bezwecken wollte, dass ich darüber nachdachte, vor ihr zu türmen, zu einer Ausreißerin zu werden, dann war ihr das Kunststück gründlich gelungen! Mein ganzes Leben lang war ich in einer Provinz unweit von Marseille aufgewachsen – in einem kleinen Kuhdorf, in dem jeder jeden kannte und auch respektierte. Soweit ich informiert war, bestand London dagegen nur aus unfreundlichen Pöbeln, Snobs und verrückten Freaks. Ich zählte mich jedoch zu keiner dieser Gruppen. Ergo gehörte ich auch nicht dorthin! Kapierte dieser Frau das eigentlich nicht? Mum behauptete zwar strikt es läge an ihrem Chef, der sie versetzt hatte, dass wir aus Frankreich fortziehen mussten, doch soweit ich wusste, konnte man Versicherungen überall verkaufen – und sorry dass ich das gerade aufwerfe, aber so gut, dass sie gleich nach London geschickt wurde, war sie in ihrem Job auch wieder nicht. Irgendetwas daran war mir auf Anhieb faul vorgekommen. Irgendwann war ich dann zu dem entsetzlichen Schluss gekommen, dass irgendein dahergelaufener Mann dahinter steckte. So wie es immer der Fall war. Obwohl Mum sich nicht fest band, hatte sie schon die ein oder andere Romanze hinter sich. Vermutlich handelte es sich dabei dieses Mal um ihre Internetbekanntschaft, welche sie in einem Forum für Liebhaber der klassischen Literatur kennengelernt hatte. Jetzt verurteilt mich doch nicht schon vorher! Denn nein – ich spioniere meine Mum nicht klammheimlich aus. Weil ich die Einzige in unserem Zwei-Leute-Haushalt bin, die sich einigermaßen mit der modernen Technik auskennt, musste ich ihr dummes Profil erstellen. Merkt man wie sehr ich das Wort 'dumm' lieben und schätzen gelernt habe? Es ist mein allerliebstes Adjektiv. Jedenfalls bin ich eine kluge Detektivin, wenn es darum geht, Tatsachen zu bemerken und zu kombinieren. Mums Chat-Sessions mit Mr. X, wie ich ihn heimlich nannte – sein bescheuerter Nickname 'Kuschelhase' will mir nur sehr schwer über die Lippen kommen, denn seinen realen Vornamen kenne ich natürlich nicht – und dann die Tatsache, dass sie anstelle von Filmmusik seit neustem hauptsächlich Liebeslieder summte. War das verdächtig oder nicht? Über ihren Angebeteten wusste ich mehrere Dinge: Wohnhaft in London, wo sich auch seine Arbeitsstelle befand. Außerdem war er anscheinend einige Jahre jünger als Mum – bitte, welcher reife Kerl nennt sich wie ein Plüschtier auf Kokain? Da konnte ich nur inständig hoffen, dass er bereits volljährig war – und in keiner Klappsmühle lebte. Obwohl es Mum dort vermutlich auch ganz gut gegangen wäre, wenn sie wirklich wegen so einer lockeren Bekanntschaft aus dem Worldwide Web das Handtuch warf und Frankreich den Rücken kehrte. Kurz bevor wir unsere Koffer gepackt hatten – leider half bei meiner Mum das größte Betteln und Flehen nichts mehr – erfuhr ich dann, dass ihr 'Lover' ein Lehrer an einer Oberschule war. Ausgerechnet an der Schule, an welcher meine Mutter mich angemeldet hatte – Ironie oder pure Absicht, um ihm wie zufällig näher zu kommen? Wenn sie mal nicht über das Potential zu einer richtigen Stalkerin verfügte! Zwar wusste ich nicht mit Sicherheit, wie mein neuer Lehrer und vielleicht bald Stiefvater hieß, doch in diesem Moment schwor ich mir, es vorsichtshalber allen schwer zu machen, denen ich in London, an meiner neuen Schule, begegnete. Wenn ich gegen Leah Nights Sturheit schon nicht gewachsen war – echt unglaublich, dass ihr Dachschaden sogar noch größer geworden war und somit meinen bei weitem übertraf! Es war ein eher schwacher Trost für mich, dass meine Freunde mir zu Ehren eine Abschiedsparty geschmissen hatten. So richtig mit Musik, bunten Luftballons und Seifenblasen. Hach, ich liebte Seifenblasen! Irgendwie fühlte sich das so endgültig an. Selbst meine seit jeher beste Freundin Amberly konnte mir nichts mehr vormachen, als sie mich fest umarmt und mir vorgeheult hatte, wie sehr sie mich vermissen würde, wenn ich nicht mehr ständig bei ihr verweilen konnte, so wie bislang. Leider helfen bei Mum nicht einmal die dicksten Krokodilstränen. Ich glaube in der Hinsicht ist sie etwas egoistisch geworden. Sie war ja bislang eine fantastische, alleinerziehende Mutter, die ihre Arbeit stets gut gemacht hat. Doch was zum Teufel war plötzlich falsch gelaufen, dass sie wegen eines Mannes, den sie niemals persönlich getroffen hatte, und der ebenso gut die Erfindung einer sadistischen Oma sein konnte, alles hinschmiss, was unser Leben bislang ausgemacht hatte, nur um in ein anderes Land zu ziehen? Die Frage konnte sicherlich nur sie selbst beantworten – und diese befand sich tief vergraben in ihrem chaotischen Tiefen ihres Gehirns. Mit Händen und Füßen wehrte ich mich gegen diese Veränderung in meinem Leben – doch absolut nichts half. Sogar als ich meine hellbraunen Locken verunstaltete, indem ich mir die Haarspitzen in einem knalligen Türkis färbte, wirkte Mum noch immer überzeugt von ihrem Vorhaben. „Was wenn ich in die Drogensucht abrutsche? Hast du denn überhaupt nichts aus dem Film mit diesem braven Schüler gelernt, der in die falschen Kreise geriet?“, brachte ich dieses Argument zum wiederholten Male an, als wir in London einfuhren. Allein dieser ätzende Verkehrsstau sprach schon gegen die Großstadt. In unserem bescheidenen Dorf war man immer und überall schnell gewesen– sogar ohne öffentliche oder eigene Verkehrsmittel. Dass ich derart ins Blaue riet, kam nicht von ungefähr. Sie war schließlich die große Filmexpertin - nicht ich. Ich bevorzugte es da eher Tetris oder Dr. Mario zu zocken oder mir den Tag damit zu vertreiben, mir gemeinsam mit Amberly alberne Telefonstreichen auszuhecken – oder im Pyjama durch unser Dorf zu rennen, um die alteingesessenen Bürger zu erschrecken. Man glaubt es kaum, aber auf gelbe Enten auf einem rosafarbenen Schlafanzug reagieren sie fast genauso wie kleine Mädchen auf einen Horrorfilm. Wenn ich das in London tat, hielt man mich sicherlich für extrem gestört, obwohl das unter den ganzen Irren vermutlich gar nicht mehr auffiel. Doch ohne Amberly machte alles nur halb so viel Spaß. Erwähnte ich eigentlich, dass ich bislang noch nicht annähernd dazu bereit bin, erwachsen zu werden? Ich bin praktisch das weibliche Gegenstück zu Peter Pan – nur dass mir im Gegensatz zu ihm Grün so gar nicht steht, obwohl meine Augen einem Katzengrün entsprechen, das sich herrlich mit dem frischen Türkis meiner Haarspitzen verträgt. „Sei nicht albern, Day“, seufzte Mum schließlich, die sich wie immer peinlich genau auf die Straße und den Verkehr konzentrierte. Merkte sie es denn eigentlich nicht? Wir passten überhaupt nicht in dieses bunte Durcheinander. Unser Leben spielte sich in einem Dorf ab, wo es manchmal etwas zu ruhig zuging – aber hey, was sollte es? Ich war nach einem Tag benannt, an dem man nichts weiter anfangen konnte als sich ins Bett zu legen, die Decke über den Kopf zu ziehen und zu schlafen. Übrigens mein Lieblingshobby – auch während des Unterrichts. Wenn es mir möglich gewesen wäre, ich wäre sicherlich einmal professionelle Schläferin geworden. Oder Matratzentesterin. Genervt stützte ich meinen Ellenbogen an der Fensterscheibe ab. Ms. Night machte wirklich keine Kompromisse – in keiner Hinsicht. Auch stürzte sie sich gerne mal in Abenteuer hinein, die nur schiefgehen konnten. Nur dass sie sogar so weit ging, wegen einem umzuziehen, war selbst mir neu. Sogar mich konnte diese Frau mit dem feuerroten Haar noch überraschen. Doch dieses Mal hielt ihr Griff ins Klo auch für mich eine scheußliche Wendung bereit. Unsere neue Wohnung war einfach nur grauenvoll – ich hasste sie zutiefst, sobald ich sie betrat, so wie ich alles verabscheute, was ich bisher von dem schmutzigen London gesehen hatte. Vera hatte mich tatsächlich darum beneidet, dass ich in eine Stadt zog, in der die Abgase mit dem Regen Tango tanzten. Innerlich schwor ich mir, würde ein Penner mich nach meiner Telefonnummer fragen, würde ich mich in einen Zug setzen, in meine echte Heimat fahren und dort versauern. Ich konnte ja irgendeinen meiner männlichen Freunde heiraten. Die verspürten wenigstens nicht das Bedürfnis auf eine Müllhalde zu ziehen, sondern für immer in ihrem beschaulichen Nest zu bleiben. Amberlys Cousin Dex war eigentlich ganz niedlich, auch wenn er eine Spur zu schüchtern war. In unserer neuen Wohnung müffelte es fürchterlich nach etwas abscheulich Undefinierbarem, zudem war es dunkel und an den Wänden klebten tote Insekten – eigentlich wollte ich gar nicht wissen, was das für welche waren. Nachdem ich festgestellt hatte, dass ich lieber in einen Busch pinkelte als in einem Badezimmer mit kackbraunen Wandfliesen – leider mangelte es an Sträuchern in unserer Wohngegend allerdings ebenfalls – wusch ich mir die Hände, und bekam beinahe einen Pickel vor Ekel. Einen? Ach was, eine ganze Kolonie! „Mum!“, kreischte ich beabsichtigt schrill durch die dünnen Wände des Hochhauses, in dem es nicht einmal mehr einen funktionstüchtigen Aufzug gab. Alte, dreckige Bruchbude! Dabei hatten wir in unserer alten Wohnung so hübsch gelebt. Unser zu Hause war stets eine Oase für mich gewesen. Das hier war einfach nur grauenvoll! Ein fürchterlicher Alptraum, aus dem ich hoffentlich sehr bald erwachte! „Das Wasser ist... braun!“, ich deutete vorwurfsvoll auf die eklige Brühe, die klumpig aus dem Abfluss rann. „Achso“, lächelte Mum entkräftend, als wäre das nichts. Achso? Mehr hatte sie dazu nicht zu sagen? Wie wäre es zum Beispiel, wenn sie mich in Brand gesteckt hätte? Wie ätzend war das denn? Vorsichtig schob sie mich zur Seite und spielte an den Reglern herum. „Der Hausmeister hat mich bereits gewarnt, dass so etwas schon mal passieren kann... ab und zu. Du musst einfach so lange zwischen heiß und kalt wechseln, bis das Wasser klar wird. Nichts weiter“, erklärte Mum sorglos. Na die besaß vielleicht Nerven aus Drahtseilen! Die Ader in meiner Schläfe pochte gefährlich – was immer geschah, wenn ich mich aufregte. Okay, ich verfüge über eine leicht impulsive Persönlichkeit, die schnell, mal zu explodieren drohte. Doch andere Mädchen hätten das ihren Müttern sicherlich nicht so leichtfertig durchgehen lassen. Vermutlich ist das der Grund, aus dem ich niemals zu diesen niedlichen, zerbrechlichen Püppchen gehören würde, die Amberly so sehr bewunderte. Aber selbst das zahmste Kätzchen wäre nach dieser unmöglichen Aussage zu einem wilden Tiger mutiert, der sich ordentlich austobt - glaubt mir, das war mehr als ein abgewracktes Haus! „Ja, weil eine Dusche mit schmutzigem Wasser ja auch so sinnvoll ist!“, kommentierte ich zynisch, sarkastisch. Leider ist Mums Sensor für Ironie und Sarkasmus so begnadet wie das Einfühlungsvermögen für ihre Tochter. Nämlich eigentlich kaum vorhanden. Allerdings befand sich mein Sarkasmus-Schild noch in einem der Umzugskartons, die eine Firma, welche Mum für den Transport unseres Zeugs beauftragt hatte, bereits am Mittag hier abgeliefert hatte. Nun standen überall unausgepackte Kartons herum – aber das tat der hässlichen Wohnung auch keinen Abbruch mehr. Dieser Zug war in der Steinzeit abgefahren! „Ach bitte, Süße! Versuch doch wenigstens, dich hier etwas einzuleben“, bat Mum mich eindringlich. Wie ich es hasste, wenn sie versuchte einen auf Mitleid zu machen. Das war so etwas von unfair, schamlos und niederträchtig, dass ich es kaum fassen konnte! Weil ich letzten Endes doch immer wieder einknickte und den Kürzeren zog. Dieses Mal würde ich sie jedoch nicht so leicht davonkommen lassen. „Ach ja?“, höhnte ich vorlaut, „Ich wusste ja nicht, dass wir so pleite sind, dass wir uns nur diese Bruchbude leisten können! Dabei habe ich immer gedacht, wir zählen zu den Leuten, die nicht so leicht verarmen, wo du doch immer so sparsam mit unserem Einkommen umgehst.“ „Wir sind nicht arm“, wandte Mum mit einem tiefen Seufzen ein – wie immer war sie das absolute Gegenteil von mir, die Geduld in Person, „Aber es war das Beste, was wir uns in London leisten konnten.“ DAS BESTE! Wow. Dass ich nicht lachte. Wo blieb nur der Witz? Wo wohl die versteckten Kameras verborgen waren? Etwas anderes als ein mieser, misslungener Streich konnte das nämlich nicht sein! Wenn dies das Beste war, was wir hatten bekommen können, dann wollte ich nicht wissen, wie die Obdachlosen unter einer Brücke lebten. Vermutlich sogar noch besser als wir jetzt. „Wir werden das schon schaffen“, ermutigte Mum mich in der nächsten Sekunde auch noch überflüssigerweise. Nachdem ich mir die Hände an dem grauen, scheußlichen Duschvorhang abgetrocknet hatte, stapfte ich demonstrativ laut in mein neues Zimmer – mit Blick auf das blaue Meer. Ach ja, das war ja noch in Frankreich. Hier erwarteten mich graue Kästen aus Beton, wenn ich aus dem Fenster blickte – wie ätzend. Ich setzte mich zwischen zwei Kartons, auf denen mein Name stand und griff nach meinem Gameboy – irgendwie wirkte die Aufschrift darauf idiotisch - 'Mondays Room'. Als hätte ein Wochentag ein eigenes Zimmer zur Verfügung. Die simple Welt von Tetris würde mich zumindest für einen kurzen Augenblick lang vergessen lassen, dass ich mir oft wünschte, dass Mum mich nur adoptiert hatte und ich bald bei meinen richtigen Eltern leben durfte, die zufällig auch Amberlys waren. Wirklich, ich mochte Monsieur und Madame Chevrie. Gerade im Moment waren sie mir wesentlich sympathischer als meine Mutter, die leider darauf beharrte, mich tatsächlich auf die Welt gebracht zu haben. Pech auf ganzer Ebene, würde ich einmal behaupten. „Es wird dir dort wirklich sehr gut gefallen. Ich habe die Broschüre gesehen... eine wirklich hübsche Schule ist die 'East London Academy'. Und die Frau am Telefon, bei der ich dich angemeldet habe, klang auch ganz freundlich. Das ist alles sehr unkompliziert“, schwärmte Mum am laufenden Band, als sie mich am Montag Morgen – Ironie des Schicksals – zu meiner neuen Schule fuhr. Die neuen Bücher würden mir von der Schule gestellt werden. Na immerhin etwas. Vielleicht konnten wir uns dafür von dem neuen Geld einen hübscheren Duschvorhang leisten. Vielleicht war ja sogar eine Schusswaffe drin. „Es ist zwar keine noble Eliteschule, aber sie hat trotzdem einen sehr guten Ruf. Die früheren Abgänger haben zum Teil die hoch angesehensten Universitäten des Landes besucht.“ So wie sie bei diesen Worten strahlte, hätte man glatt meinen können, dass sie sich in das Gebäude verliebt hatte. Hm, ob die Technik wohl schon so weit war, dass ein totes Gebäude ein Profil im Internet erstellte, das meine Mum komplett verblöden ließ? „Wenn es dir so gut gefällt, kannst du ja hingehen“, schlug ich unbeeindruckt vor. „Jetzt sei doch nicht so mürrisch, Day“, lachte Mum, um mich ein wenig aufzuheitern. Funktionierte nur leider nicht – was für ein Pech für sie. Sehr witzig - sie hatte mich praktisch dazu aufgefordert eine solche Persönlichkeit zu entwickeln. „Mein Name lautet Monday, was hast du erwartet?“, erwiderte ich ironisch. Leider war mein Schild immer noch irgendwo in den Tiefen unserer Kartons vergraben. Auf diese Weise blieb ihr mein unerschütterlicher Sarkasmus verborgen. Kaum zu glauben, dass eine ganze Welt, ein komplettes Leben, in ein paar braune Kisten passte. Schließlich hielt Mum unseren alten Ford, der bei weitem schon bessere Tage erlebt hatte, vor einem großen, weißen Gebäude, vor dem sich Scharen von Schülern tummelten – alle trugen sie brav ihre Schuluniformen, was sie unendlich spießig wirken ließ. Es erfüllte mich allerdings nur mäßig mit Genugtuung, dass meine Schuluniform bislang noch nicht bei uns Zuhause eingetroffen war. Ich vermisste bereits die Zeiten, als ich in der Schule noch das hatte tragen können, was ich wollte. Na ja, weil Mum mich schlecht nackt oder im Pyjama zur Schule hätte gehen lassen – Letzteres hatten Amberly und ich bereits gebracht, wie schrecklich ich das verrückte Huhn vermisste – trug ich auch heute meine Freizeitkleidung. Chucks zu einer schwarzen Röhrenjeans, sowie ein weißes Top und eine rot-weiß-blau karierte Bluse, deren Knöpfe geöffnet waren. Meine langen Haare trug ich zu einem lockeren Seitenzopf gebunden, der mir über die Schultern fiel. So kam die ausgefallene Farbe, die sich leider bereits leicht aufgewaschen hatte, noch besser zur Geltung. Sobald ich aus dieser Hölle kam, musste ich dringend in eine Drogerie, um mir neue Farbe zu kaufen. Vielleicht wählte ich ja dieses Mal ein knalliges Rot für meine Haarspitzen. Mein persönlicher Protest ging weiter- Runde zwei. „Soll ich dich noch begleiten?“, erkundigte Mum sich fürsorglich, worauf ich sogleich die Autotür weit aufriss. Bloß weg von hier, bevor sie noch auf die glorreiche Idee kam, mir meinen alten Teddybären 'Didi' zur Schule zu bringen! „Lass mal gut sein“, winkte ich daher locker ab, „Ich kann das schon allein. Bis später dann... ich komme mit dem Bus.“ „Aber du weißt doch gar nicht...“, begann sie besorgt zu protestieren. In dieser Hinsicht konnte sie wirklich zu einer echten Glucke mutieren. „Mum, ich kann auch lesen, weißt du? Fahrpläne dürften da auch kein Problem bilden. Ich komme schon klar“, erinnerte ich sie daran, dass ich entgegen meinem Verhalten oftmals kein kleines Kind mehr war. Auch wenn dies meine Premiere in einer Großstadt war, so ahnte ich doch, was mich erwartete. „Gut, melde dich bei mir, wenn irgendetwas ist... Ach ja, du sollst dich bitte im Sekretariat bei Mrs. Doorlan anmelden!“, rief sie mir noch hinterher, als ich die Autotür bereits zugeschlagen hatte und in Richtung Schule lief. Rein theoretisch hätte ich noch die Gelegenheit ergreifen und türmen können. Andererseits hatte Mum mich bereits telefonisch angekündigt – zumindest bei meinen neuen Lehrern, die ich allesamt widerwärtig finden würde. Allein schon weil jeder von ihr ein Kuschelhase sein konnte. Würg. Die Schüler, die mir auf meinem Weg in das hohe, weiße Gebäude begegneten, starrten mir alle hinterher. Amberly hatte gehofft dass so etwas passierte. Mir erschien es jedenfalls lästig, dass man mir ansahen, dass ich eine neue Schülerin war, auch wenn ich mir kaum vorstellen konnte, dass die etwa achthundert Schüler, wie Mum behauptet hatte, sich alle untereinander kannten. Aber weshalb wirkten sie alle so spießig? Eigentlich war ich doch das Landei. Irgendwie war die Stadt anders als ich es mir anfangs vorgestellt hatte. Zumindest war das mein erster Eindruck. Der zweite war wesentlich prägnanter. Nicht zuletzt deshalb, weil ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht ahnte, dass die ätzenden Montage mein geringstes Problem darstellten.
4.10.14 13:10
 


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